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Der Vergleich des
Diskos von Phaistos mit Linear A


Da der Diskos von Phaistos auf Kreta gefunden wurde, liegt es nahe, sein Zeicheninventar mit anderen während der Bronzezeit auf Kreta genutzten Schriften zu vergleichen. Als gedanklicher bzw. analytischer Ansatz für einen entsprechenden Vergleich bietet sich eine auffällige Eigenschaft der Zeichenketten auf dem Diskos von Phaistos an.

Gemeinsam ist beiden Seiten des Diskos von Phaistos, dass die jeweils besonders häufigen Zeichen zumeist am Beginn der Felder stehen. Wenn andererseits nach häufig vorkommenden Stempelmotiven gesucht wird, die auf beiden Seiten annähernd gleich oft benutzt werden, so finden sich - als verbindende Elemente - die vier Zeichen D 01, D 18, D 23 und D 35. Diese kommen zumeist an letzter oder vorletzter Position vor, d. h. insgesamt in fünfunddreißig von einundsechzig Feldern.

Die skizzierten Beobachtungen lassen eine spezifische dreigliedrige Struktur erkennen: Die Felder beginnen i. d. R. mit Stempeleindrücken, die auf einer der Diskosseiten bevorzugt auftreten und enden mit oft genutzten Zeichen, die auf beiden Seiten gleich häufig vorkommen. Im Mittelfeld finden sich zahlreiche Stempelmotive, die nur selten genutzt werden.

Die statistischen Werte für Linear A wurden einem Aufsatz von Giulio M. Facchetti (Facchetti, 1999: Statistical data and morphematic elements in Linear A. In: Kadmos, Band XXXVIII, Heft 1, S. 1 - 11) entnommen.
Grundlage für die Statistik Facchettis war ein Index aller bekannter Zeichenfolgen in Linear A (Godart, Louis / Olivier, Jean-Pierre, 1976-1985: Recueil des inscriptions en Linéaire A.). In ihm kommt jede Zeichenfolge nur einmal vor. Entsprechend dürfen auch für den Diskos von Phaistos sich wiederholende Ketten nur einmal berücksichtigt werden. Für die statistische Auswertung verbleiben somit 53 unterschiedliche Zeichenketten. Sucht man nach formal ähnlichen Zeichen auf dem Diskos und in den Linearschriften und vergleicht man die jeweils bevorzugten Positionen in den Wörtern bzw. Feldern, so ergibt sich folgendes Bild:

ZeichenAnfangMitteEndeHäufigkeitBewertung*
12 0 10 4 6,7% M-h
AB 78 AB 78 - qe 14 4 7 0,98% A-s
18 0 7 4(6)** 5,3% E**-h
AB 37 AB 37 - ti 8 32 36 3% E-h
23 1 8 1(6)** 4,8% E**-h
AB 06 AB 06 - na 8 53 39 3,9% E-h
35 0 3 7 4,8% E-h
AB 04 AB 04 - te 10 23 31 2,5% E-h
45 1 4 0 2,4% M-m
AB 76 AB 76 - ra2 1 7 9 0,7% E-s
19 0 2 1 1.4% M-m
AB 31 AB 31 - sa 21 35 12 2,6% M-h
36 0 3 0 1,4% M-m
AB 30 AB 30 - ni 4 20 15 1,5% M-m
34 0 2 1 1,4% M-m
AB 39AB 39 - pi 17 12 10 1,5% A-m
43 0 0 1 0,5% E-s
AB 66AB 66 - ta2 2 1 8 0,4% E-s
15 1 0 0 0,5% A-s
A 364A 364 1 0 0 0,04% A-s

*  (A)nfangszeichen (steht zu mindestens 39% am Anfang)***;
(E)ndzeichen (steht zu mindestens 39% am Schluss)***;
(h)äufig (Häufigkeit größer 2%);
(s)elten (Häufigkeit kleiner 1%).

** Für den Diskos von Phaistos war für die auf beiden Seiten häufig genutzten Zeichen eine bevorzugte Nutzung an letzter oder vorletzter Position beobachtet worden. Für sie wird die Nutzung an vorletzter Position in Klammern angegeben. Aufgrund ihrer auffälligen Nutzung werden sie als Schlusszeichen gezählt.

Wie unwahrscheinlich eine derart hohe Anzahl von Übereinstimmungen ist, zeigen folgende Berechnungen nach der Formel für die hypergeometrische Verteilung. (Nach Facchetti können für Linear A achtzig verschiedene Zeichen, darunter 18 Anfangs- und 25 Schlusszeichen, gezählt werden. 18 Zeichen besitzen eine Häufigkeit größer 2,5%, 17 Zeichen eine mittlere Häufigkeit zwischen 1 und 2,5% und 45 Zeichen eine Häufigkeit kleiner als 1%.)
VersucheTreffererwartete
Treffer
Wahrschein-
lichkeit
Anfang 1 1 0,2 22%
Mitte 5 2 2,3 34%
Ende 4 4 1,3 1%
häufig 4 3 0,9 3%
mittel 4 5 0,9 3%
selten 2 2 1,1 31%
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Der offensichtliche Zusammenhang zwischen formaler Gestaltung bzw. optischer Perzeption und gleichartiger Nutzung von Zeichen in beiden Schriften - mehr als 2/3 der ähnlichen Zeichen werden in beiden Schriften vergleichbar verwendet - erscheint markant. Da die Position eines Schriftzeichens in einem Wort in der Regel nicht durch sein Aussehen bestimmt wird, kann obiges Ergebnis dahingehend gedeutet werden, dass die einander ähnlichen Zeichen die gleiche Lautfolge repräsentieren. Der Diskostext wurde demnach in derselben Sprache verfasst, in der auch Linear A zu lesen ist.
Dieser These widerspricht nicht, dass der Diskos von Phaistos ein weitgehend eigenständiges Schriftbild aufweist, das nicht zuletzt der verwendeten Technologie - der Nutzung von Stempeln - geschuldet sein könnte. Für letztere Annahme spricht auch, dass sich vor allem für in ihrem Motiv erkennbare bzw. markante Linearzeichen ähnliche Zeichen auf dem Diskos von Phaistos finden lassen.
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